Gestern Abend surfte ich im Internet und fand ein richtiges Schmuckstück des Qualitätsjournalismus: Ein Interview mit der Familienministerin Katharina Barley. Im Beschreibungstext: „Eine weitere Folge unserer Videoserie mit Kurzinterviews.“

Ich muss vorab sagen, ich bin kein Mitglied des K-Barley Fanclubs, hab gehört, man kann eben nicht in beiden sein, B-Marley und K-Barley, da muss man sich entscheiden. Ich höre immer noch den Bobby Marley und bin also blockiert für den K-Barley-Fanclub, aber weiß auch gar nicht, ob ich da reinwill. Dazu eine kurze Geschichte: Es war einmal ein Neumitgliedertreffen eines Kreisverbands einer deutschen Partei. Circa 25 Leute da, es war die Zeit des Gottkanzlerhypes. Alle stellten sich vor, vorne saß die Kreisverbandsvorsitzende und plötzlich klopfte es an der Tür. Wie angekündigt kam sie rein. Tolle Frau. Die Kreisverbandsvorsitzende vergaß bei der Wichtigkeit der eintretenden Person sofort alles um sich herum, vor allem merkte sie gar nicht mehr, dass die ganze Wichtigkeit, die da in den Raum reinschwappte ein Neumitglied mitten im Satz bei seiner Vorstellung unterbrach. Die wichtige Person war so von der Wichtigkeit ihres eigenen Daseins eingenommen, ihre Fühler für angemessenes Verhalten komplett verkümmert, dass sie gar nicht merkte, dass sich vielleicht nicht in jedem Raum den sie betritt sofort um sie drehen muss. Aber wie soll man das merken, wenn eine Büromitarbeiterin ihr folgt und mit dem Smartphone filmt und ihr damit immer mehr Wichtigkeit zuspricht. Das Neumitglied saß mit offenem Mund da, weil hart war dem wahrscheinlich noch nie über den Mund gefahren worden. Jetzt sprach Miss Wichtig, sie sagte gleich, dass sie sich ja sicher nicht vorstellen müsse. So ging das dann ein bisschen, richtig unangenehm, als sie am Ende ein paar Parteibücher an die Neumitglieder verteilte, selbst da sagte sie nicht einfach irgendwas Egales wie „Schön, dass Du bei unserem Spassverein bist“, sondern lenkte selbst in diesem Moment alle Aufmerksamkeit auf sich: „Immer wenn ich Neumitglieder begrüße, dann schaue ich in das Parteibuch und rechne nach, wie lang ich eigentlich schon dabei bin.“ Frau Wichtig ist ne tolle Frau, ist mir sympathisch, ich bin also voreingenommen, wenn ich ein Video von ihr sehe.

Hier der Link: http://www.zeit.de/video/2017-08/5543638041001/katarina-barley-sind-sie-zu-nett-fuer-die-politik

In dem Kurzvideo wirkt Frau Barley eigentlich ganz nett. Ich finde das Format nur komplett idiotisch. Was soll man denn in 90 Sekunden groß über den Politiker oder die Politikerin erfahren? Richtig schön bei dem Gespräch ist aber auch, wie der Interviewer Marc Brost scheinbar komplett in eine andere Richtung schaut. Das wirkt megaungestellt, haben die bestimmt nur ein Take gemacht und dann war das Ding im Kasten.

Deswegen machen wir bei drop-media Podcasts: 30 oder 60 Minuten geben einen Einblick in das Denken unserer InterviewparterInnen! Also hört weiter zu und fordert auch von den großen Medien etwas mehr Komplexität ein.

Posted by selass

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